Wer schämt sich denn, wenn er auf die Frage: ... und wo warst Du am Wochenende?, antwortet: auf Mallorca. Noch ist ein Kulturwochenende in Palma de Mallorca ein Insidertipp. Das hat seinen Charme und den Vorteil, so manche Sehenswürdigkeit noch ohne die Anwesenheit großer Touristengruppen erleben zu können. Die Flugzeit von 2,5 Stunden und eine weitere halbe mit dem Bus Linie 1 direkt ins Zentrum, wo es schöne kleine Hotels gibt, sind keine Hürde. Mit Airberlin Samstagmorgen oder Freitagmittag ab München und Sonntagabend zurück, oder mit tuifly Freitags wie Samstags mittags hin, Sonntagabend zurück nach München.
Am Nachmittag angekommen, eingecheckt und mit dem Hotelzimmer vertraut gemacht, geht der Spaziergang direkt in die historische Altstadt. Gegenüber dem alten Fischerhafen steht zwischen königlichen Palmen an der Autopista Passeig Sagrena der Ranaissancebau des Consolat de Mar, heute Amtssitz des Ministerpräsidenten, daneben die eh. Seehandelsbörse, 1426 wie eine Kathedrale erbaut. Davor, von der Plaça de la Llotja, geht der Weg in die Unterstadt. Es ist 20:30 h und an der Ecke der angrenzenden Carrer Boteria 3, gehen Rollläden hoch. Erst jetzt offenbart sich, hier befindet sich Mallorcas beste Tapas-Bar La Boveda.
Wer nicht schon vor Tagen reserviert hat, bekommt seine Chance, wenn um 20:30 h geöffnet wird, denn die Plätze an der Theke sind noch frei. In allen Reiseführern und Berichten wird das La Boveda zu recht empfohlen, als Treffpunkt für Einheimische und Touristen mit einer langen Tapas-Theke, die spanische und mallorquinische Köstlichkeiten zur Schau stellt. Aber nicht nur die vorzüglichen Tapas sind eine Augenweide, auch die historische Einrichtung mit großen Fässern als Tische, die von der Decke hängenden Serrano-Schinken und die Fliesen und Bilder an den Wänden mit gelegentlicher Gitarrenmusik live untermalt, schaffen Atmosphäre.
Eine Augenweide ist Mallorcas berühmteste Cocktailbar im Llotja-Viertel der unteren Altstadt und unverändert traumhaft schön. Ab 21:00 h öffnet sich das tagsüber unbeachtete unscheinbare große Tor des barocken Adelspalastes und der Blick fällt sofort auf Berge angehäuften frischen Obstes, auf riesige Blumengestecke, Statuen, einen Kamin, flackernde Kerzenleuchter und gemütliche Kuschelecken. Die Atmosphäre wird durch dezente klassische Musik untermalt. Ebenso sehenswert sind die Räume in der ersten Etage, z.B. die Küche, die auch mit frischem Gemüse dekoriert ist, sowie die optisch schönen Toiletten und der Innenhof.
Von der Placa Rei Joan Carles im Zentrum der Altstadt, geht es in die Carrer de la Unio. Gleich rechts auf der anderen Seite der Placa del Mercat zeigt sich neu restauriert ein Beispiel für den von Antoni Gaudi entworfenen katalanischen Jugendstil, die Fassade von Can Casassayas. Ein paar Meter weiter auf der anderen Straßenseite ist die schöne Fassade des Gran Hotel von 1903, dem ersten Luxushotel auf Mallorca und seit 1992 UNESCO Weltkulturerbe, die unteren Etagen werden heute als Kunstgalerie genutzt. Gegenüber ist die grüne Jugendstilbäckerei Forn d'es Teatre. Auch hier gibt es täglich vorzügliche Ensaimadas.
Durch die untere Altstadt spazieren wir entlang dem Passeig de Born, lassen das Szenecafe Bar Bosch rechts liegen, schlendern stattdessen unter den Arkaden der Avinguda de Jaime entlang, vorbei an den schönen Schaufenstern, biegen dann in die Carrer del Baro, um im Haus No.5 in das Can Joan de s'Aigo, dem zweitältesten Cafe In Palma de Mallorca, wo die heisse Trinkschokolade, sowie die ofenwarmen Ensaimades von Mama, auch im Hochsommer traumhaft lecker schmeckt. Selten trifft man hier auf Touristen, die höchstens mit einer Pferdekutsche draußen vorbei fahren, später zu Fuß dann doch nicht hier her finden werden.
Die liebenswürdigen Kellner sind schon Ihr ganzes Leben hier tätig und warten geduldig, bis sich der Tourist von dem Schreck erholt hat, dass es keine Karte gibt, sondern die Fantasie gefragt ist, um seine Bestellung aufzugeben. Im Zweifelsfall also auf die benachbarten Tische oder in die Vitrine schauen und auf die Objekte der Begierde zeigen. Zwischendurch, den ganzen Tag über, holen die Anwohner ihre bestellten Ensaimadas und Mandelbisquitkuchen für zuhause ab. Das hausgemachte Gelato und alle Sorten Caffe schmecken übrigens in beiden Häusern gleich gut. Ein Eis im Glas, oder eine heiße Schokolade € 1,50, eine Ensaimada € 0,95.
Hier sind wir nun wirklich im ältesten Cafe, das es schon seit 1700 gibt. Es sollte noch 60 Jahre dauern, bis das dickflüssige heiße Getränk auch nach Italien gelangte und in den Caffes von Turin Einzug hielt. Leider schmecken Trinkschokolade sowie Ensaimades nicht ganz so gut, wie im schon oben beschriebenen zweitältesten Cafe. Dafür wirken Einrichtung und Atmosphäre authentischer und es ist noch ruhiger und abgelegener. Besonders an heißen Tagen und zur Zeit der Siesta, wenn alle Geschäfte der Altstadt geschlossen sind, ist dieser dann kühle ruhige Ort mit seinem kleinen Springbrunnen ein ideales Plätzchen, um sich zu entspannen.
Da Sonntags die meisten Geschäfte geschlossen sind, empfiehlt sich der Samstag. Von 13 bis 17 Uhr ist Siesta, dann wieder bis 22 Uhr geöffnet. Rund um die Placa Mayor, nicht weit vom Passeig des Born mit seinen vielen Designershops entfernt, finden sich nördlich entlang der Carrer de Sant Miquel, oder nach Osten entlang der Carrer des Sindicat lange Fußgängerstraßen mit Schuh- sowie Modegeschäften jeder Art. Auf der Placa Major stehen Händlerstände und unter dem Platz befinden sich klimatisierte Shops, durch Rolltreppen zu erreichen. Vom Passeig des Born in westliche Richtung führen die Ardaden der Avinguda Jaime III.
Rund um die sehenswerte Kathedrale, die ab 10 Uhr geöffnet und dann das beste Licht durch die bunten Fenster bekommt und Sonntags leider geschlossen ist, stehen die Einspänner, auch an der Placa de Palma und einigen Stellen in der Altstadt. Für Palma de Mallorca gibts 40 Lizenzen für Kutscher, die früher Güter und Reisende mit Gepäck befördert haben. Die Altstadt-Rundfahrt ab € 30 ist Verhandlungssache. Aus erhöhter Position schaut man auf die Spaziergänger, sieht die Fassaden und Plätze aus einer anderen Sicht und kommt durch Gassen und an Häusern vorbei, für die ein Fußweg schon längst zu weit und ermüdend gewesen wäre.
Neben 14 verschiedenen Lebendarten, die noch in den Höhlen der Insel vorkommen, finden sich auf dem Stadtwappen von Palma de Mallorca, Mauern, auf Brunnen und Obelisken Exemplare aus Bronze oder Stein. Nachdem der 21 jährige Herrscher über Katalonien Jaume I. 1229 im Namen der Christen die Insel von den Mauren eroberte, war ihm die Fledermaus ein Glücksbringer. Auf der Placa del Rei Carles I. steht ein Obelisk auf vier Schildkröten, dessen Spitze von einer Fledermaus gekrönt wir. Auch am Brunnen der Placa Coll finden sich Exemplare in Bronze und Stein gehauen. Lebende schlafen im Schutzgebiet der Cala Manacor.
Von Palma sind es mit dem seit 1912 von Siemens elektifizierten Roten Pfeil 30 Km nach Soller. Die kleine Reise in die Vergangenheit beginnt von der Paca d' Espanya links außen um den Inselbahnhof herum vom Extragleis der alten Oberleitung, früh um 8:00 und 10:40 h. Die letzte Rückfahrt ab Soller geht um 20:00 h. Vom Sackbahnhof Soller sind es gute 20 Meter zur Haltestelle der Straßenbahn, die zunächst gemütlich über den kleinen Placa de sa Constitucio unterhalb der Fassade der Kirche Sant Bartomeu aus dem winzigen Ort hinaus durch das Orangental zum Fischerhafen Port de Soller fährt, den sie in 15 Minuten erreicht.
Kultur hat wegen des milden mediteranen Klimas das ganze Jahr Saison, man muß ja nicht gleich den Winter in Valldemossa (Foto) verbringen, wie einst Frederic Chopin mit George Sand. Ein Sommer-Wochenende für den Stadtbesuch in Palma ist keine sehr heiße Sache. In den Straßen, Gassen und unter den Schirmen der Straßencafes ist genug kühlender Schatten. Im Frühling, das bedeutet hier für die gelbe Margareten- und rote Mohnblüte Ende März bis Anfang April, kommen Naturliehaber auf ihre Kosten, die es reizt, wenn der flache Großteil der Insel als rotgelbes Blütenmeer zwischen Feigen- und Olivenbäumen zwei Wochen erstrahlt.
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